Mittwoch, 10. August 2005

Pfahlbauers Sehnsucht

Von Marcel Elsener

St. Gallen ist Pflotsch-Hauptstadt Europas. Unser Bodenseespezialist weiss aber Fluchtrouten ins Land der Träume.

«Heute weigerte ich mich aufzustehen, bis sich die Sonne zeigte», sagt Sam Owadia an diesem Mittejulimittwoch. «Okay, sie hat geblinzelt. Aber der Sommer ist gelaufen.» An der Stehbar im «Splügen», seiner Beiz, die in einer früheren Zeit und andern Stadt wohl «Existenzialistentreff» genannt würde, denkt er bereits ans Herbstprogramm - Musikabende mit grossen Figuren solls geben, Bob Dylan, Frank Zappa oder Otis Redding, von Stammgästen aufgelegt und in Wort und Bild vorgestellt. Der Rotweintrinker von nebenan freut sich schon sehr auf den Winter. Eigentlich fände hier ja der St. Galler Gartenbeizsommer statt; Owadias Holzbänke auf dem Plätzchen, das seinen Namen einem Sommerzirkus der lokalen Clowns Pic und Pello verdankt, versprühen den Mini-Mini-Hauch, weil bestenfalls mal hundert Menschen zusammenkommen und weil der schöne Platz vor allem ein Parkplatz ist. Letzten Sommer wars anders, da spielte ein Freilufttheater Peter Handkes «Stunde, da wir nichts voneinander wussten» - der kantonalen 200-Jahr-Feier sei Dank, und wenns nur dafür war.

Ertrinken im Frauenweier

Die Einheimischen haben sich indes abgefunden mit dem feindlichen Klima. Von einem Sommer kann nicht die Rede sein in einer Stadt mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von knapp sieben Grad und dem Ruf, «sieben Monate Winter und fünf Monate kalt» zu haben. Oft liegt der Schnee bereits im Oktober und bis in den Mai - Fussballfans kennen das Bild vom verschneiten Espenmoos, während auf allen Schweizer Plätzen längst gespielt wird. Nun muss man den BewohnerInnen der «Pflotsch-Hauptstadt» eines lassen: Sie lassen sich den Sommer nicht nehmen und reden sich mit verzweifelter Tapferkeit ein, dass es hier doch recht hübsch und grün sei, gerade im Sommer, und überhaupt auf Dreilinden, dem Naherholungsgebiet fünf Treppensteigminuten über der Altstadt, wo auf einer Geländeterrasse die Dreiweiern liegen, der Bubenweier, der Mannenweier und der Frauenweier. Als Zugezogener oder Besucherin ist man gut beraten, die Dreiweiern einfach nur superschön zu finden, Einheimische verstehen da keinen Spass.

Dabei kann man dort oben bei Gott nicht schwimmen. Glauben Sie mir, ich habs versucht. Es war in einer für voralpine Verhältnisse sehr milden Sommernacht, als ich mich nach Jahren freundlich-dringlicher Empfehlungen endlich zum Sprung ins St. Galler Sommerglück überwinden konnte. Immerhin hatte ich die Ausrede der Volltrunkenheit. Ich sollte es eine Minute später bereuen. Kaum war ich in diesen Frauenweier gesprungen und hatte einige Züge genommen, war der Schwumm auch schon jäh zu Ende: ich prallte in ein hölzernes Spielgerät für Kinder. Worauf ich lauthals fluchte wie einer, der auf den urältesten aller Gaunertricks hereingefallen war.

Die drei Tümpel mögen okay sein zum ein bisschen Hängen und Gaffen, aber sie sind eine Beleidigung für einen Seebuben, der heute noch am liebsten auf den Holzplanken der Rorschacher Badhütte liegt und die Gegend versehnsuchtet bis ans Meer aller Träume.

Doch bleiben wir einen Moment in der 300 Meter höher gelegenen «Gallusstadt». Kaum Sommer - und nicht einmal Wasser. Die höchstgelegene Stadtsiedlung Europas mit ihren 70 000 EinwohnerInnen gehört zu den wenigen Städten, die nicht an ein Wasser gebaut sind. Kein Fluss, kein See, nicht mal eine anständige Brunnenfläche als schmalbrüstiger Ersatz. In den wärmeren Monaten wird dies zum Dauerjammer, über den auch die Aufstellung diverser Roman-Signer-Kunstwerke, die mit dem Wasser spielen, nicht hinwegtrösten kann. Jüngstes Beispiel ist eine signersche Wasserschaukel vor einem Versicherungssitz, wo der Künstler auf seine bekannt ausgeklügelte Art das Wasser schaukeln lässt - «Bewegung beruhigt» titelte die Lokalzeitung. Ganz genau was St. Gallen braucht, denken bewegtere Geister.

Jason Rhoades’ Irrtum

Wer in einer wärmeren Sommernacht einen spannenden Flirttreff unter freiem Himmel sucht, hat Pech. In der Regel, wie im Fall der beiden Genossenschaftsbeizen Engel und Hintere Post, handelt es sich beim Sommergarten um einen winzigen Innenhof mit vielleicht sieben Tischen, die aus Rücksicht auf die Nachbarn um zehn Uhr geräumt werden müssen. Weitaus grösser und, wenigstens tagsüber, ein echter Tipp bleibt der Klassiker unter den Innenhöfen, die Gartenterrasse des Restaurants Gschwend am Bohl, wo es sich unter einer Rebenlaube sitzen lässt, Katzen durch den Holzzaun äugen und manchmal gar ein Hahn kräht.

Was bleibt zu tun? Am besten die Flucht ins Grüne, einerseits nach hinten Richtung Säntis, wo schon unmittelbar am Stadtrand lohnende Ausflugsbeizen locken, wie das Scheitlinsbüchel oder der Untere Brand; andererseits nach vorne Richtung See. Zum Bleiben könnte allenfalls die weitherum «urbanste» Freiluftleinwand im Hof der Lokremise animieren. Doch die Hauser-und-Wirth-Leute sowie ihre PartnerInnen vom Kinok haben heuer Künstlerpech gehabt: Jason Rhoades hat sich vor allem Filme mit dem Biedermann Kevin Costner gewünscht. Gähn - da sind sogar die Programme der Mainstream-Openair-Kinos des Kinomonopolisten und einer Eventfirma auf dem Sportplatz Lerchenfeld und am See in Arbon spannender.

Blumenwiesen vor Wien

Mich kümmern die Programm- und Wettersörgeli der Stadtsanktgaller indes herzlich wenig. Seit über einem Jahrzehnt vertraue ich zwei anderen Sommerfixpunkten: fürs Draussen ist dies die Badhütte in Rorschach, fürs Drinnen das Poolbar-Festival in Feldkirch. Die alte Pfahlbauerbadi über dem See, inoffizielles Wahrzeichen der daniederliegenden Hafenstadt und ein Lichtblick in einer trostlosen Betonuferpromenade, ist allem Hype in Büchern und nationalen Medien zum Trotz ein Geheimtipp geblieben. Nach dem Seebad gibts im La Vela am Hafenplatz eine echt italienische Latte Macchiato, die ein Drittel weniger kostet und besser schmeckt als in den Zentren. Und hernach gehts zunächst für Bodensee-Knusperli in den unverschandelten Garten des Restaurants Jägerhaus in Altenrhein und dann eine halbe Autostunde das Rheintal hinauf in die Poolbar. Auch dort kann man das Loblied der Peripherie singen - im umgebauten Hallenbad siehts aus wie in Wien oder Berlin, draussen duftet die Blumenwiese vor den Arlbergausläufern. Psst, nicht weitersagen, ebenso wenig wie das Naturschutzgebiet Rohrspitz mit seinen Schmusebräteluferplätzen und dem FKK Fussach, sonst ist die Gegend bald überlaufen, nicht nur von St. GallerInnen.

Marcel Elsener ist Kulturredaktor der WOZ.

Poolbar in Feldkirch: www.poolbar.at

Zweck vom Sonnendeck

Das Sonnendeck dient mir als Abstellplatz wichtiger Habseligkeiten wie auch überflüssigen Ballasts. Daneben lässt sichs aber auch ganz gemütlich liegen und der Gelassenheit frönen.

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