Mittwoch, 7. Dezember 2005

Lohnverhandlung

Das alljährliche Sensatione-Ritual...

Sollten Sie bei der Auswertung der Gehalts-Analyse zu dem Schluss gekommen sein, dass Ihr Gehalt zu niedrig bemessen ist, möchten wir Ihnen nachfolgend einige gut gemeinte Ratschläge für Ihre nächsten Schritte mit auf den Weg geben.

Beinahe jeder fühlt sich stark, wenn es darum geht, einen Verkäufer im Preis zu drücken oder bei einem Händler um Rabatte zu feilschen. Aber wehe, man will von seinem Chef mehr Geld. Dann rutscht das Herz in die Hose. Das Feilschen um den eigenen Marktwert ist eine unangenehme Sache, schließlich muss man Werbung in eigener Sache machen.

Bieten Sie Ihrem Vorgesetzten keine Angriffspunkte, arbeiten Sie an Ihren Stärken und an Ihrem Selbstbewusstsein. Je überzeugender Sie auftreten, desto erfolgreicher werden Sie sein. Mit dem nachstehenden Katalog können Sie Ihre Vorbereitung deutlich verbessern und damit letztlich Ihre Chancen.

12.1 Das Ziel

Wie viel mehr Geld wollen Sie ?

Das klingt banal, ist aber wichtig. Setzen Sie sich ein klares Ziel und definieren Sie Ihren Verhandlungsspielraum, also den Minimalbetrag mit dem Sie sich zufrieden geben wollen. Überlegen Sie sich Alternativen zur reinen Gehaltserhöhung mit denen Sie einverstanden wären (Weiterbildungsmaßnahmen, Firmenwagen, veränderte Arbeitszeiten etc.). Alternativen zeigen Verhandlungsbereitschaft und stimmen den Verhandlungspartner positiv. Verlieren Sie aber vor lauter Alternativen Ihr originäres Ziel nicht aus dem Auge.

12.2 Die guten Gründe

Warum wollen Sie eigentlich mehr Geld?

Dies ist die Frage aller Fragen. Und damit Sie bei der Beantwortung nicht ins Schleudern kommen, sollten Sie möglichst viele, qualifizierte Gründe aufzählen können, warum Sie für das Unternehmen wertvoller geworden sind. Gründe dieser Art können sein:

• Umsatzsteigerung
• Schulung von Mitarbeitern
• Mehrarbeit (z.B. durch Vertretungen)
• Übernahme von Projekten
• Umgesetzte Vorschläge für verbessertes Arbeiten im Unternehmen
• Besuch von Weiterbildungsveranstaltungen

Beachten Sie stets, dass nur die tatsächlich erbrachten Leistungen als Argumente dienen können. Für zukünftige Ziele gibt Ihnen niemand Vorschusslorbeeren.

12.3 Timing ist alles

Auf den richtigen Zeitpunkt kommt es an

Eine Gehaltsverhandlung erledigt man nicht im Vorbeigehen. Melden Sie sich bei Ihrem Chef rechtzeitig an und bitten um eine Uhrzeit, zu der er auch in guter Verfassung ist. Montags, kurz nach halb neun Uhr morgens könnte genauso ungünstig sein, wie am späten Freitag Abend. Empfehlenswert ist es, beispielsweise nach dem erfolgreichen Abschluss eines Projekts um den Termin zu bitten. Ganz wichtig: Es ist in den meisten Fällen Erfolg versprechender, wenn Sie in kurzen Abständen (z.B. jährlich oder alle 2 Jahre) Ihr Gehalt moderat neu verhandeln, als wenn Sie versuchen, alle 5 Jahre einen 30prozentigen Gehaltssprung herauszuholen.

12.4 In der Ruhe liegt die Kraft

Mentale Stärke bringt den Erfolg

Je besser Sie vorbereitet sind, desto entspannter gehen Sie in das Gespräch. Schreiben Sie alles auf, was Ihnen wichtig erscheint, und nehmen Sie dieses Papier als Gedächtnisstütze mit in die Verhandlung. In der Aufregung hat man schnell ein, zwei gute Argumente vergessen. Ein Gesprächsleitfaden vermittelt auch dem Gegenüber, dass Sie sich gut vorbereitet haben. Arbeiten Sie an Ihrer Körpersprache. Selbstbewusstsein vermittelt man, indem man seinem Gesprächspartner direkt in die Augen blickt. Achten Sie darauf, dass Sie selbst vor und nach dem Termin keine stressigen Arbeiten zu erledigen haben.

12.5 Blinder Eifer schadet nur

Man kann vieles falsch machen

Auf gar keinen Fall sollten Sie das Unternehmen unter Druck setzen. Der Satz Mehr Geld oder ich gehe, vergiftet gleich die Stimmung und kann schnell nach hinten losgehen. Und: Sollten sie bei Misserfolg nicht ernst machen und verzichten auf eine Kündigung, dann verlieren Sie jede Glaubwürdigkeit. Unterlassen Sie unterwürfiges Verhalten, gar Betteln. Schulden, höhere Mieten oder die Ausbildung der Kinder sind schwache Argumente - nur die persönliche Erfolgsbilanz zählt. Beharren Sie nicht auf Ihren Vorstellungen, signalisieren Sie Verhandlungsbereitschaft aber nicht um jeden Preis. In die Verhandlung einzutreten unter dem Motto man kann über alles reden, schwächt gleich Ihre Position. Sollten Sie mit Ihren Wünschen nicht erfolgreich sein, dann drücken Sie Ihr Bedauern aus, aber sachlich. Auf keinen Fall dürfen Sie den Chef attackieren oder beleidigen.

12.6 Was tun, wenn der Erfolg ausbleibt?

Keine Panik

Akzeptieren Sie diese Entscheidung, schreiben Sie sich die Argumente des Chefs auf, damit Sie beim nächsten Mal gewappnet sind. Denn: Auch die Chefs haben immer dieselben Argumentationsmuster, auf die können Sie sich vorbereiten. Tragen Sie Ihre Niederlage mit Fassung, bitten Sie aber recht bald um Revanche.

Donnerstag, 1. Dezember 2005

Blut ist nicht der Rede wert

Weltwoche Ausgabe 47

Ein TV-Sportjournalist geht nicht zur Arbeit, er geht seinem Hobby nach. Beim Spiel Türkei gegen die Schweiz hatte das wieder böse Folgen.

Sportkommentator Matthias Hüppi nahm seinen ganzen Mut zusammen. Die Vorgänge nach dem Türken-Spiel, deutete er im TV-Studio an, seien möglicherweise, unter Umständen, allenfalls, vielleicht doch nicht ganz normal, er meine ja nur, womöglich, es könnte ja sein. Sein Gesprächspartner Christoph Daum, Trainer von Fenerbahce Istanbul, fuhr ihm dennoch gleich übers Maul. Die Schweizer, belehrte er Hüppi, sollten «stolz sein, statt zu heulen». Jetzt sah Sportskamerad Hüppi aus wie ein eingeschüchterter Zwerghase, der eins hinter die Löffel bekommen hatte. Die Prügeleien nach dem Spiel waren ab sofort im Schweizer Sportfernsehen kein Thema mehr. Hüppi oben im Studio, wie seine Kollegen unten im Stadion, redeten nur noch über Fussball und nicht über Fusstritte, nur noch über Handelfmeter und nicht über Handgreiflichkeiten.

Ältere Fussballsemester erinnerten sich, es war genau zwanzig Jahre her. Im Heysel-Stadion in Brüssel gab es 1985 beim Meistercup-Final zwischen Liverpool und Juventus Dutzende von Toten. Reporter Beni Thurnheer kommentierte das Spiel, als wäre nichts geschehen. Dann blendete sich TV DRS wortlos aus und strahlte einen Naturfilm mit Hans A. Traber aus.

2005 war es vergleichbar, auch die Argumentation des TV-Teams war dieselbe. Was ausserhalb des Rasens geschehe, habe «nichts mit Sport zu tun». Was nichts mit Sport zu tun hat, ist nicht relevant für die Sportredaktion.

1985 setzte es nach der offenkundigen Verletzung der Informationspflicht einen TV-Skandal. 2005 setzte es nach der offenkundigen Verletzung der Informationspflicht keinen TV-Skandal. Zu gross war das patriotische Entzücken, um es mit einer Diskussion über publizistische Fehlleistungen zu versalzen.

Wir haben die rotweisse Fahne inzwischen in den Schrank gehängt und können zur nüchternen Interpretation anheben: Das Schweigen der TV-Lämmer zeigte uns wieder einmal den Unterschied zwischen Sportjournalisten und Nicht-Sportjournalisten auf. Viele Sportjournalisten haben irgendwann aus ihrem Hobby einen Beruf gemacht. Sie freuen sich, wenn sie ins Stadion fahren dürfen, weil ihnen dort beruflich vergönnt ist, was sie privat interessiert. Das unterscheidet sie von den meisten Branchenkollegen. Es gibt keinen Inlandredaktor, der darüber jauchzt, dass er die Nationalratsdebatte zum Rüstungsprogramm verfolgen darf. Und rar sind die Wirtschaftsjournalisten, die der Generalversammlung von Novartis entgegenfiebern.

Sportjournalisten begegnen ihrem Thema mit Leidenschaft und Nähe. Andere Journalisten begegnen ihren Themen mit Zynismus und Distanz. Leidenschaft und Nähe verführen zu einer protektionistischen Bewahrungshaltung. Man möchte ausklammern, was nicht sein sollte und was das Idealbild trübt. Doping, Bestechung und Gewalt – «das gehört nicht zum Sport».

Solche Romantik verhindert, wie in Istanbul, das Bemühen um Aufklärung. Nachdem Matthias Hüppi und seine Sportskollegen die objektive Information verhindert hatten, stand «10 vor 10» auf dem Programm. Dort erfuhr man aus erster Hand von den Prügelszenen im Kabinengang. «10 vor 10»-Journalisten sind normale, zynische Nachrichtenjournalisten. Sie lieben den Fussball nicht. Sie lieben ihn nur, wenn er gute Schlagzeilen liefert. Fairerweise müssen wir sagen, dass sich auch die Sportjournalisten der gedruckten Presse in den letzten Jahren emanzipiert haben. Sie solidarisieren sich immer weniger, sie recherchieren immer mehr. Die Spuck-Affäre Frei, die Doping-Affäre Camenzind, die Finanz-Affäre Blatter: Die sportiven Schonflächen sind vor allem bei grossen Tageszeitungen wie Blick, NZZ und Tages-Anzeiger enger geworden.

Im Schweizer Fernsehen hingegen hat sich die Spezies der Verwedler und Schönfärber gehalten. Nach der Fehlleistung von Istanbul verteidigte sich TV-Sportchef Urs Leutert, man hätte seine Leute «unter Androhung von Gewalt» an der Berichterstattung gehindert. Das ist natürlich Quatsch. Nicht nur «10 vor 10» informierte gleichzeitig aus dem Kabinengang vor Ort. Auch bei der ARD berichtete Reporter Nick Golüke, der selber einiges abbekommen hatte, live vor der Kamera.

Wir wollen hier den Berufsstand der Journalisten nicht heroisieren. Aber die «Androhung von Gewalt» hindert im Normalfall keinen daran, dennoch an Informationen heranzukommen. Vielleicht bekommt man keine TV-Bilder, aber Informationen bekommt man immer. Um Informationen kämpft man nur dann nicht, wenn einem ganz recht ist, dass sie nicht öffentlich werden. Die Prügelszenen von Istanbul hatten tatsächlich mit Sport nichts zu tun. Sie hatten mit Journalismus zu tun.

Für die Haut ab dreissig

Wir sind zu arm, um uns billige Sachen zu kaufen: Ein Paar von Ludwig Reiter schützt Mensch und Umwelt.

Der Idee der Nachhaltigkeit gehört die Zukunft. Der Verbraucher ist Revolutionär. Seine Konsumgewohnheiten haben in den letzten hundert Jahren die Welt mehr verändert als der Gang zu den Wahlurnen oder auf die Strasse zur Revolution. Der grüne Vordenker Matthias Berninger bezeichnet es als Fortschritt, dass die OECD bei ihrer Auszeichnung von Waren erstmals auch die Prozessqualität berücksichtige – also nicht nur die Umweltverträglichkeit eines Produktes, sondern auch die Ökobilanz seiner Herstellung. «Die Globalisierungsdebatte braucht die Konsumentendebatte. Wenn man der Globalisierung eine Leitplanke geben will, braucht man eine Prozessqualität der Produkte, die weltweit eingehalten wird.»

Und dann entscheiden die Konsumenten über die ökologische Verfassung der globalisierten Welt – vorausgesetzt, sie verfügen über das Mindestmass an Wohlstand und Wissen, das dafür notwendig ist. Wohlhabenden Nationen wie der Schweiz fällt dabei eine besondere Vorbildfunktion zu. Ökologisch nachhaltig sind Konsumgegenstände, die potenziell die Qualität und Substanz haben, nicht nur die eigene Lebenszeit zu überstehen, sondern weitervererbt werden zu können.

Luxus ist arbeitsintensiv. Deshalb macht es Sinn, «den Sinn für Ästhetik und Luxus» zu stärken, wie der Club of Rome empfiehlt. Damit funktioniere Wachstum nicht über Mengen, sondern über Schönheit. Durch eine Reparaturgesellschaft entstehen so neue Arbeitsplätze. Bestes Beispiel: Schuhe. Normal trägt man sie ein bis zwei Jahre, um sie dann zu entsorgen. Rahmengenähte Schuhe aus Pferdeleder halten Generationen. Vorausgesetzt, man pflegt sie richtig. Ausserdem wird man wohl mindestens alle zwei bis drei Jahre die Sohlen erneuern müssen. Aber die Patina der Schuhe macht diese immer eleganter. Kein Mann, und neuerdings auch immer weniger Frauen, von Rang will ohne diese Patina durchs Leben spazieren. Meine These: Spätestens mit dreissig muss man Dinge kaufen, die bleiben: Schuhe, Möbel, Kunst, Häuser, Uhren, Geschirr, Gartenbänke. Schuhe kaufe ich seit fünf Jahren bei Ludwig Reiter, zuvor bei Eduard Meier in München. Beide Firmen waren Hoflieferanten und verfügen über eine wertvolle Tradition, die nicht zuletzt in einem beeindruckenden Herstellungswissen mündet. Seit 125 Jahren stellt Ludwig Reiter Schuhe her, die mittlerweile in gut einem Dutzend Geschäften in Europa verkauft werden. Nicht eben billig, aus Kalbsleder gefertigt, kosten «Budapester» 690 Franken, in Pferdeleder 1100 Franken.

Auf Dauer sind sie dennoch günstig. Billigere Schuhe haben eine deutlich kürzere Haltbarkeitsdauer. Dasselbe gilt übrigens für Autos. Je exklusiver Autos sind, umso seltener werden sie verschrottet. Fast 78 Prozent aller jemals produzierten Porsche gibt es noch. Wie viele Toyota Corolla der ersten Generation noch herumfahren, ist ein Geheimnis. Es dürfte ein Promille sein. Seien Sie ein stolzer Snob: Das Billige ist in der Regel ökologisch bedenklich. Der Todfeind der Nachhaltigkeit ist Ex-und-hopp-Konsum. Michael Hopf, Sprecher von Greenpeace: «Je länger ein Produkt hält, desto ökologisch sinnvoller ist es.» Hier sollten wir ausnahmsweise konservativ sein.

Falsch verbunden

Weltwoche, Ausgabe 47

Die Swisscom gehört zu zwei Dritteln dem Staat. Geht sie im Ausland auf Einkaufstour, müssten wir alle mitbezahlen. Höchste Zeit, dass der Bund seine Aktien verkauft.

Als der Chef der British Telecom davon hörte, dass die Swisscom die irische Eircom übernehmen will, schlug er maliziös vor, die fusionierten Firmen doch «SwissEir» zu taufen. Es wäre vorschnell, dies nur als hinterhältigen Seitenhieb gegen einen potenziellen Konkurrenten zu deuten.

Wie einst bei der Swissair begannen die Probleme der Swisscom – schrumpfende Marktanteile und schrumpfende Margen – mit der Deregulierung. Der Staatsbetrieb verlor sein Monopol, das ihm jahrzehntelang zu hohe Gewinne und den Konsumenten zu hohe Preise verschafft hatte. Wie damals die Swissair muss sich die Swisscom seither auf ihrem lukrativen Markt gegen ausländische Konkurrenten behaupten. Wie die Swissair hat die Swisscom nur eine kleine Heimbasis und sucht ihr Heil jetzt darin, ausserhalb des Landes zu wachsen und ganz Europa nach Firmen abzugrasen, welche sie kaufen könnte. Wie die Swissair, «die fliegende Bank», ist die Swisscom, «die Geldmaschine», heute bereit, sich dafür zu verschulden – mit bis zu 22 Milliarden Franken. Und wie bei der Swissair ist der Bund (also die Bürger) bei der Swisscom beteiligt. Waren es bei der Airline am Schluss gerade einmal drei Prozent – was ihm eine Staatskrise eintrug – besitzt der Bund heute sogar zwei Drittel (66,1 Prozent) der Swisscom.

Es ist höchste Zeit, sich davon zu trennen. Verkauft der Bund seine Swisscom-Anteile jetzt, sind sie noch 18 Milliarden Franken wert. Loslassen befreit gleich doppelt: Die Swisscom kann dann ohne politische Fesseln jedes unternehmerische Risiko eingehen, das ihr sinnvoll erscheint. Und der Bundesrat schafft ein für alle Mal die Gefahr aus der Welt, erneut Milliarden zu verlieren und als Krisenmanager agieren zu müssen.


Die letzte Eile

Die Swisscom-Führung unter Jens Alder, die sich lange durch Zurückhaltung auszeichnete und damit manche teure Dummheit vermied, vermittelt derzeit einen unüblich gehetzten Eindruck. Wann immer in Europa eine Telefongesellschaft verkauft werden soll, werden die Schweizer als Bewerber genannt – ob in Irland, Dänemark oder den Niederlanden. In Tschechien und Österreich haben sie es auch versucht und einen Korb gekriegt. Ständig, sagt Alder nicht ohne Stolz, prüfe er mindestens drei mögliche Kaufobjekte zugleich. Die Filetstücke aber wurden bereits in den letzten Jahren verteilt. Und um die wenigen übrig gebliebenen Firmen buhlen derzeit viele willige Käufer mit viel Geld, was deren Preis in ungeahnte Höhen treibt – wie jüngst in Tschechien, wo die Swisscom von der spanischen Telefonica ausgebootet wurde.

Auffallend dabei ist, dass sich kaum ein Experte findet, der die Shoppingtour der Swisscom goutiert. Eine strategische Logik der Expansion ist nicht erkennbar, weil das Zusammengehen von Ex-Monopolisten, die alle unter dem gleichen Konkurrenzdruck leiden, weder bedeutende Synergien noch komplementäre Einkünfte verspricht. Einzig als Finanzinvestition macht eine Expansion ins Ausland Sinn, denn die Swisscom sitzt auf sehr viel Bargeld, ja sie möchte sich sogar verschulden. Es scheint für sie bei den historisch tiefen Zinsen am rentabelsten, Fremdkapital aufzunehmen. Und mit Schulden, schöner Nebeneffekt, muss sie dem Staat, ihrem Mehrheitsaktionär, weniger Steuern bezahlen. Das allein schon zeigt die schizophrene Lage, in welcher der Bund als Swisscom-Aktionär steckt. Als Eigentümer eines Unternehmens muss er daran interessiert sein, möglichst wenig Steuern zu bezahlen, als Staat, möglichst viel zu bekommen. Gleichzeitig reguliert der Bund die Branche, was ihn in Interessenkonflikte bringt. Ob es nun um die letzte Meile geht oder um den härtesten Swisscom-Konkurrenten, die Cablecom – als Besitzer muss der Bund ein Interesse an einer starken Swisscom haben, als Regulator muss er für einen fairen Wettbewerb sorgen, von dem die Konsumenten profitieren. Vom Verkauf der Bundesbeteiligung können die Swisscom und «der Staat» nur gewinnen. Denn eine Investition von 18 Milliarden Franken in einen einzigen Titel ist aus Sicht des Bürgers ein «Klumpenrisiko». So sank der Börsenkurs der Swisscom in diesem Jahr um sechs Prozent – mitten in einer Hausse, die den Index um dreissig Prozent steigen liess. Für eine derartige Performance gehörte jeder Vermögensverwalter, jeder Pensionskassenmanager gefeuert. Auch die Zukunft sieht für die Swisscom nicht gerade vielversprechend aus. Ihr Kerngeschäft – Fixnetz, Internet und Handy – schrumpft, die Tarife sinken und sinken. Und die Internet-Telefonie, erst in ihren Anfängen, wird die Branche noch erschüttern.

Die Swisscom und nicht der Bundesrat muss in dieser wenig komfortablen Situation selber wissen, ob es ihr hilft, mit viel Geld ins Ausland zu expandieren. Tut sie, was ihr betriebswirtschaftlich oder wegen besserer Karriereperspektiven der Manager als nötig erscheint, dann bitte ohne Steuergelder. Hat sie Erfolg, wird sie weiterhin gute Arbeitsplätze bieten, gute Produkte schaffen und gute Steuern bezahlen. Geht das Auslandabenteuer in die Hose, wie vor zehn Jahren in Malaysia und in Indien, dann kann zumindest niemand fragen, was der Schweizer «Service public» eigentlich in Dublin, Kopenhagen oder Amsterdam zu suchen hatte.

Montag, 26. September 2005

Kein Tag zum Sterben

Herbert Lanz

Eine Leiche. Und ich, ich muss sie jetzt aus dem Wasser holen, denkt Özcan Yüksel im ersten Moment, als er den weissen Körper in der Aare treiben sieht. Dann Geräusche, «wie ein Wehklagen », sagt Yüksel. Er springt in den braunen Fluss. Hochwasserzeit.

Der 29-jährige Türke hat an jenem Sommerabend Ende August Spätschicht in der Cafébar «Landhaus» in Solothurn. Es ist nachts um ein Uhr, nur noch wenige Leute sitzen draussen auf der Quaimauer. Sie trinken oder kiffen. Yüksel macht sauber, wischt mit dem grossen Besen die Zigarettenstummel, Bierflaschen und Dosen zusammen. Den Job als Aushilfskellner hat er erst vor kurzem bekommen. Eigentlich müsste er nur bis zur ersten Laterne flussabwärts kehren. Yüksel wischt weiter, bis zur zweiten Laterne. Er ist froh, dass er die Arbeit hat.

Als er den Müll in den Plastiksack kippen will, schweift sein Blick übers Wasser. Yüksel – sein Nachname bedeutet übersetzt «geh höher» – taucht ab. Er schwimmt dem auf und ab gleitenden Menschen entgegen. Nach 20, 30 Metern kann er den kalten Körper packen. Mit einem Arm rudert er dem Ufer entgegen, auf ein Aluminiumboot zu. Aus einem nahen Restaurant kommen Leute. Ein Landsmann steigt ins Boot runter. Gemeinsam hieven sie den schweren Körper ins Schiff. Erst jetzt realisiert der Retter, dass er eine Frau vor sich hat, etwa 60-jährig. Sie schlägt um sich. «Lasst mich, lasst mich! Ich will sterben», bricht es aus ihr heraus. Die ersten klaren Sätze. Der Retter merkt, dass die Gerettete gar nicht gerettet werden wollte.

Özcan Yüksel fragt nach einer Ambulanz. Eine jüngere Frau greift zum Handy. Yüksel versucht, die Lebensmüde zu beruhigen.

«Alles wird gut. Gleich kommt der Rettungswagen », sagt er zu ihr.
Sie sagt: «Ich will sterben.»
Yüksel sagt: «Heute ist kein guter Tag zum Sterben.»

Die Polizei kommt, wenig später die Ambulanz. Personalien werden aufgenommen. Die Frau wird in den Wagen gehoben. Polizei und Ambulanz fahren fort. Viel später wird Yüksel durch den Kopf gehen, dass keiner ihm auf die Schulter geklopft hat. Von der Lebensmüden hat er nichts mehr gehört, bis heute.

Als Letzter steigt Özcan Yüksel aus dem Boot. Er will sein Portemonnaie und den Schlüsselbund holen, die er vor dem Sprung noch hastig auf die Aaremauer gelegt hat. Alles ist weg. Verschwunden. Keiner der Umherstehenden weiss etwas, keiner hat was gesehen. Erst zwischen vier und fünf Uhr kommt er nach Hause. Drei Stunden findet er Schlaf. Am Morgen geht der Bestohlene zur Bank. Angst um sein Konto dort hat er nicht, es ist eh im Minus. Aber er will seine Visa- Karte sperren lassen. Zu spät. 2000 Franken sind weg. Abgebucht in derselben Nacht um 1 Uhr 38 im Cabaret «Isabelle» am Solothurner Bahnhof. «Als ich das Wort ‹Cabaret› hörte, blieb mein Herz stehen», sagt Yüksel. «Shit, dachte ich, aus dem Schlamassel kommst du nie mehr raus.»

Der gelernte Karosseriespengler macht derzeit eine Ausbildung zum Sozialpädagogen. Vor kurzem erst hat er seine Stelle in einem Heim gekündet – ins Blaue hinaus. Er steckte in einer Krise. Eine Frau verliess ihn, das Geld wurde knapp, offene Rechnungen häuften sich. Özcan Yüksel, dessen Eltern aus Ostanatolien in die Schweiz emigrierten, bekam es mit der Angst zu tun. Ökonomischer Angst. Dann, kurz vor dem Sprung ins Wasser, der lang ersehnte Anruf: Er hatte die neue Stelle in einem Kinderheim in Basel bekommen.

Die Geldsorgen blieben. Und dann das. Mit dem Dieb hadert er nur kurz. «Schnell einmal ging mir durch den Kopf: Ich, die Lebensmüde und der Dieb, der mein Geld mit Frauen verhurt – und ich musste lachen», sagt Yüksel. Und: «Vielleicht habe ich ihn ja in einem früheren Leben mal beklaut. Ich muss also nicht den Moralapostel spielen.»

Özcan Yüksel ist nichtpraktizierender Muslim. Als der Dalai-Lama in Zürich war, hörte er dem buddhistischen Gottkönig tagelang zu. Demut, Vertrauen haben, sich fallen lassen. «Ruhig werden, alles wird so geschehen, wies richtig ist», sagt er. «Aber vielleicht nicht so, wie wir es uns vorstellen. » Auch bei ihm kommts anders. So wie es sich der Demütige nicht geträumt hatte.

In einem Restaurant trifft Yüksel einen albanischen Kollegen. Erzählt ihm seine Geschichte.

«Du bist immer zu lieb. Das Leben ist hart. Du musst härter werden. Sonst wirst du gefickt», sagt der Kumpel.
«Jedes Tun hat Konsequenzen. Positives Tun erzeugt etwas Positives», sagt Yüksel.
«Ich zahl dir was. Ich lade dich ein», sagt der Albaner.

Dann die Überraschung. In der Cafébar, wo Yüksel jobbt, hat man für ihn gesammelt. Innert eines Tages kommen 1500 Franken zusammen. Yüksel sagt: «Das Leben ist gütig.» Die Lokalpresse berichtet über ihn. Yüksel, der in Solothurn geboren wurde, seine türkische Heimat noch nie sah, weil sich die Eltern immer fürchteten, in die anatolische Bürgerkriegsregion zurückzukehren, wird zum Stadtgespräch. Wildfremde Menschen stecken ihm Geld zu. Jemand schreibt ihm einen Brief. «Ich wünsche Ihnen auch einen solchen Retter, wenn Sie in Not sind.» Wieder liegt Geld bei. Yüksel ist peinlich berührt. Sagt den Spendern, dass sich die Kartenfirma Visa angesichts der Umstände wohl kulant zeigen werde. Sagt, dass er das Geld nicht will. Alle beharren darauf.

«Hätte ich keine Krise gehabt und meine alte Arbeitsstelle behalten, hätte ich nicht ein Leben retten können. Der Dieb hätte sich nicht vergnügt, und ich hätte nicht so viel Freundschaft und Solidarität erlebt», sagt Yüksel.

Gerne würde er die Frau aus dem Wasser treffen. «Sie war es, die mich beschenkt hat.»

http://www.facts.ch/dyn/magazin/gesellschaft/542340.html

Vertrauen

vertrauen

Montag, 12. September 2005

Frauen-Träume

Die Berufstätigkeit von Frauen hat sich auf ihre Träume praktisch nicht ausgewirkt. Noch immer handeln ihre Träume vorwiegend von Gefühlen, während sich diejenigen der Männer eher um Beruf und Sex drehen.

Der kleine Unterschied zwischen Frau und Mann besteht auch beim Träumen. Während sich Männer nachts eher mit Gewalt, Sex und Beruf beschäftigen, geht es bei Frauen häufiger um Angehörige und Gefühle. Dies haben deutsche Schlafforscher in einer Langzeitstudie mit mehreren tausend Erwachsenen festgestellt.

Männerträume drehen sich oft um körperliche Aggression und Sexualität. Ausserdem kommen darin mehr Männer als Frauen vor. Häufiger als bei Frauen geht es um die Arbeitswelt, um Waffen und darum, Ziele zu erreichen. Wenn Frauen dagegen von Aggression träumen, richtet sich diese vorwiegend gegen die Schlafende selbst. In ihrem Schlaf geht es häufiger um traurige Dinge oder solche, die depressiv stimmen.

In Frauenträumen kommen beide Geschlechter gleich oft vor. Zentrale Themen sind nahe stehende Personen und Gefühle. Ausserdem träumen sie häufiger als Männer von Innenräumen. Zudem tauchen Haushaltsgegenstände und Kleidungsstücke öfter auf. Obwohl die Arbeitswelt nun ein fester Bestandteil im Leben vieler Frauen ist, träumen sie immer noch deutlich seltener von ihrem Beruf als Männer.
Tausende Interviews ausgewertet
Der Schlafforscher Michael Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und Edgar Piel vom Allensbacher Institut für Demoskopie werteten Interviews über Trauminhalte aus den Jahren 1956, 1970, 1981 und 2000 mit mehreren Tausend erwachsenen Männern und Frauen aus.

Die Langzeitanalysen zeigen, dass die Geschlechterunterschiede in den Trauminhalten seit mehr als 40 Jahren gleich geblieben sind. (sbm/sda)

Männermarkt

Von Constantin Seibt
Memo von: Pater Maunzinger
An: Vim vom Weltwoche-Internet-Forum

Ihr Problem: Sie bezweifelten meinen Rat von letzter Woche, dass Zuhören die sicherste Art der Verführung ist. Denn Sie bleiben – obwohl ein guter Zuhörer – einsam.

Die Lage: Meine Argumentation lief etwa wie folgt: Wir verlieben uns nicht in Leute, die brillant sind. Sondern in Leute, in deren Gegenwart wir selbst brillieren. Deshalb ist Zuhören höchst verführerisch. Dabei – ich gebe es zu – habe ich etwas unterschlagen: Zur schweigenden Verführung gehört, dass der Verführer auch anders könnte: selbst brillant sein. Nun, Vim, Sie schreiben: «Ich bin selbst ein einsamer Herr, 31, bin nicht hässlich, nicht blöd. Ich bin auch weder besonders auffällig noch reich, noch mächtig, und genau daran liegt’s.» Später stimmen Sie Ihren Freunden im Forum zu: Diese raten «zu mehr Draufgängertum» und zu einem «schicken Cabrio». Gute Tipps, die nicht ganz den Kern treffen: Denn sonst müssten alle cabriolosen Durchschnittsherren um die dreissig unbeweibt sein. Und zum «Draufgängertum»: Wenig ist schlimmer als ein Melancholiker, der sich vorgenommen hat, den Kerl mit melonengrossen Hoden zu spielen.

Und trotzdem hat der Rat etwas: Sie haben sich fast als eigenschaftslos beschrieben. Doch nur Leidenschaft erzeugt Leidenschaft. Das kann direkte Leidenschaft für die Frau Ihres Herzens sein – ebenso anziehend ist Leidenschaft für eine Sache. Selbst wenn es abseitige Dinge wie Philatelie, Marienkult oder Fussball sind: Menschen lieben Menschen, die etwas lieben. Und indirekte Leidenschaft ist für Ihre Würde auch weit ungefährlicher: «Ein Mann, der einem Hut hinterherläuft, ist nicht halb so lächerlich wie ein Mann, der einer Frau hinterherläuft», wusste schon Chesterton.

Mein Rat: Investieren Sie Ihren Lebensmut in eine Sache. Und haben Sie Geduld: Gerade in Ihrem Alter beginnt Ihre Konkurrenz massiv an Kontur zu verlieren. Erfolgreiche verbeissen sich in die Karriere. Erfolglose verbittern. Dritte verschwinden als gute Väter. Vierte versuchen sich an der ewigen Pubertät. Entspannte einsame Männer ohne schweren Hieb werden bald so begehrt sein wie je nur ein Cabrio. Falls Sie nicht verbittert sind, Vim, ist Ihre Zeit so gut wie gekommen.

PS für die Wartezeit: «Alles, was wir mit Wärme und Enthusiasmus ergreifen, ist eine Art der Liebe» (Wilhelm von Humboldt).

Constantin Seibt ist freier Autor in Zürich.

Montag, 5. September 2005

Zu gut fürs Bett

Von Constantin Seibt

Memo von: Pater Maunzinger
An: Alle einsamen Herren
Ihr Problem: Sie schaffen es nicht, die Dame Ihres Herzens zu verführen oder zu halten.

Die Lage: Zunächst stellt sich die Frage, warum ausgerechnet ein Priester über Frauen Bescheid wissen soll. Die historisch fundierte Antwort lautet: wer sonst? Wer, fragte sich der Professor für mittelalterliche Mystik, Alois Haas, war im Mittelalter der beste Liebhaber: der Ritter, der Bauer oder der Priester? Natürlich der Letztere. Während Ritter und Bauern ungebildete, oft grobe Kerle waren, hatten Priester das entscheidende erotische Plus: Sie hörten – schon von Berufs wegen – zu. Sie interessierte nicht nur der Körper, sondern auch die Seele der Frau.

Noch heute ist es der schlimme Irrtum unerfahrener Liebender, man verliebe sich in Leute, die grossartig wären: also bewundernswert reich, schön, tatkräftig oder brillant. Das stimmt nicht: Bewundernswerte bewundern wir nur. Und fühlen uns im fremden Glanz ein wenig hässlich. Stolze Naturen sinnen gar auf Rache.

Das gilt gerade für Perfektion. Ein guter Freund von mir, charmant, klug, glücklich verheiratet, erlebt etwa drei wirklich grosse, inspirierte Abende pro Jahr: Dann sind alle Gedanken frisch, kühn, frech – und seine Frau ist den ganzen Abend begeistert. Das sind genau die drei Abende pro Jahr, an denen sie mit Kopfweh zu Bett geht. Und er auf dem Sofa schläft. Zu Recht: Es war seine Show allein. Auch brillante Monologe stossen ab.

Mein Rat: Sicher, Simone de Beauvoir hat Recht mit dem Satz: «Der Mensch ist ein sprachbegabtes Tier und wird sich immer durch das Wort verführen lassen.» Fragt sich nur, wessen Worte. Viel eher, als dass wir uns in blendend gelaunte, gutaussehende, kluge Menschen verlieben, verlieben wir uns in Menschen, mit denen wir blendend gelaunt, gutaussehend und klug sind. Wenn man spätnachts einer Frau gegenübersitzt und nichts sagt als: «Ja?», «Wirklich?», «Und dann?», wird man nicht allein nach Hause gehen. Es ist der Klang der eigenen Stimme, der am zuverlässigsten verführt.

PS: Männer werden fast nie wegen Katastrophen wie Glatze oder Karriereknick verlassen. Sondern aus Mangel an regelmässigen Rosen, begabten Ohren und Ideen für den Wochenendausflug. Casanova dazu: «Die Liebe besteht zu drei Vierteln aus Neugier.»

Zweck vom Sonnendeck

Das Sonnendeck dient mir als Abstellplatz wichtiger Habseligkeiten wie auch überflüssigen Ballasts. Daneben lässt sichs aber auch ganz gemütlich liegen und der Gelassenheit frönen.

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