Das Land verliert den Verstand
Von Markus Schär
Wer es zu etwas bringen will, zieht in die Stadt, also vorwiegend nach Zürich. Der Provinz fehlen durch diesen Brain-Drain ihre hellsten Köpfe. Die Weltwoche zeigt erstmals für alle Kantone das Kommen und Gehen der Hirnmassen.
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Wenn eine der berüchtigtsten Streberklassen der Kanti Frauenfeld das 30-Jahr-Jubiläum ihrer Matur begeht, kehren sie vielleicht wieder einmal in den Thurgau zurück. Marianne, die Schwester des bekannten Financiers aus der Mostereidynastie, flüchtete gleich nach der Schule aus dem Kanton und führt jetzt eine Praxis als Psychoanalytikerin in Bern. Roman betreibt nach befristeten Professuren in Illinois und an der ETH das Geschäft mit seiner Programmiersprache im steuergünstigen Wollerau. Und Peter erfuhr nur Missgunst, als er eine der Traditionsfirmen von Frauenfeld rettete; der lokale Lions Club nahm das aus Deutschland zurückgekehrte Mitglied erst nach einem erneuten Verfahren auf: Die Unternehmen, die sich wieder zur Blüte führen lassen, sucht er jetzt von Zürich aus.
Was soll ein Börsianer in Uri?
Acht von dreizehn, die es in meiner Klasse bis zur Matur schafften, wanderten aus dem Thurgau ab. Zu den vier, die neben mir als Berufspendler noch im Kanton leben, gehört Hans: Der Sohn des FDP-Ständerats und Saurer-Verwaltungsratspräsidenten amtet als Bezirksgerichtspräsident, führt die freisinnige Fraktion im Kantonsparlament und betreibt daneben eine Anwaltskanzlei, wie das 250 Jahre nach der Erfindung der Gewaltentrennung in unserem Kanton möglich ist. Und Wilfried, unser gescheitester Kopf: Er bildete sich in Zürich zum Landpfarrer aus, sorgte für die Seelen in einem Bauerndorf und in einem Vorort und leitet jetzt den Kirchenrat. «Ja, ich bin ein Eingeborener, der es geografisch nicht weit gebracht hat», sagte er in einem Porträt im Lokalblatt. «Aber die Weite des Geistes holt man sich nicht nur auf einer Weltreise.»
Was meine Kantiklasse verkörpert, heisst auf Neudeutsch Brain-Drain. Und gilt als Problem: Das Hirn fliesst aus der Provinz ab, die Zentren ziehen die grauen Zellen an. Darunter leidet nicht nur der Thurgau, für den die Universität St.Gallen kürzlich eine Studie zur «Förderung wissensintensiver und wertschöpfungsstarker Unternehmen» erstellt hat. Als Problem erkennen es auch die Urner: In einem Regionalentwicklungsprogramm, für das die EU (!) bezahlt, denken sie über Massnahmen zum Brain-Gain nach; sie fragen sich also, wie sich verlorene Spitzenkräfte wieder in den Kanton locken liessen. Die Walliser: Sie stellten 2004 eine Studie vor, die den beunruhigenden Verlust von Akademikern aufzeigt. Und die Vertreter der Berggebiete insgesamt: Sie warnten schon 2003 mit dem Bericht «Brain Drain in der Schweiz», die Berggebiete verlören ihre hochqualifizierte Bevölkerung. Die Zahlen zur Abwanderung von Akademikern, die das Bundesamt für Statistik für die Weltwoche erstmals ausgewertet hat, bestätigen diesen Befund – auch für Landstriche mit lieblicherer Topografie.
Ist das Abwandern der Spitzenkräfte in die Zentren aber tatsächlich ein Problem für die Schweiz? Und wenn ja: Wer ist das grössere Problem für die Provinzkantone – die Akademiker, die abwandern, oder jene, die zurückkehren?
Es ist wünschbar, dass die Städte die hellen Köpfe anziehen, also in der Schweiz vor allem Zürich: Dorthin ziehen 30 Prozent der Thurgauer Akademiker, vom Zukunftsforscher David Bosshart über die Moderatorin Mona Vetsch bis zum Autor Peter Stamm. Das ist Rekord, aber auch Schaffhausen (29 %), Uri (27 %), St.Gallen (25 %) oder der Aargau (21 %) verlieren einen bedeutenden Teil ihrer gebildeten Jugend an Downtown Switzerland. Sogar aus Basel ziehen 10 Prozent der Akademiker nach Zürich, wie der Anwalt und Nationalrat Daniel Vischer oder der Historiker Philipp Sarasin – eine Bewegung in der Gegenrichtung lässt sich nicht messen.
«Die Schweiz braucht Zürich als starkes Zentrum, also mehr Konzentration und weniger Ausgleich», sagt Thomas Held, der mit dem Think-Tank Avenir Suisse gegen den helvetischen Kantönligeist kämpft. Dem Zustrom von aufgeschlossenen, unternehmerischen Köpfen verdankt Zürich seit Jahrhunderten seine Blüte: Schon Zwingli kam aus dem Toggenburg, die Pestalozzi, Orelli und von Muralt(o) stammen als Glaubensflüchtlinge aus Locarno, und Otto Coninx zog sogar aus dem Ruhrgebiet nach Zürich, um den Tages-Anzeiger zu gründen. Der Chefredaktor des Leibblatts der Zürcher kommt aus Schaffhausen (und wohnt noch dort), jener des Blicks, ebenfalls als Pendler, aus Olten und jener der NZZ aus Zug.
Und nicht nur die Medienhauptstadt der Schweiz lebt, weil sie frisches Blut aus der Provinz abzapft; auch die Beratungsfirmen, die Unterhaltungsbranche, die Informatikdienstleister und vor allem der Finanzplatz blühen nur, weil sich die Talente in Clustern verklumpen. St.Gallen eigne sich nur für Familienväter wie ihn als Arbeitsplatz, lacht Pierin Vincenz, der Chef der Raiffeisenbanken. Für die Leute, die er beim Börsengeschäft dringend brauchte, musste er einen Ableger in Zürich aufbauen: «Nach St.Gallen bringen Sie niemanden – abends um acht Uhr ist die Stadt tot.»
Die Abwanderung der Spitzenkräfte lässt sich also nicht aufhalten – sie ist eher noch zu fördern. Nur wenn die Schweiz ihr Talent in der Metropole zusammenballt, meint Thomas Held, kann Zürich mit seiner wahren Konkurrenz mithalten: nicht Basel oder Bern, sondern München und Mailand. Aber könnte, wer im internationalen Standortwettbewerb für Downtown Switzerland kämpft, wenigstens in der Provinz wohnen bleiben?
Das Team von HSG-Professor Thomas Bieger, welches die Studie für den Thurgau erstellte, empfiehlt dem Kanton, sich als «Goldküste Nord» anzupreisen: Tatsächlich lockt vor allem der Untersee mit attraktivem Lebensraum und passablen Verkehrsverbindungen; in Romanshorn oder Arbon am Bodensee bieten sich leerstehende Industriebauten für grosszügige Lofts am Wasser an. Begleitende Angebote wie Bildungsgutscheine, Frühenglisch, Tagesschulen oder eine spezielle Vermittlungsagentur für hochqualifizierte Arbeitskräfte und den Wiedereinstieg für Frauen sollen das Wohnen für Familien im Thurgau attraktiv machen. Dazu seien auch Flächen auszuscheiden, «wo nur ein absolutes Minimum an Bauvorschriften die Vorstellungen der Kunden einschränkt bzw. wo nur ausgefallene Bauten realisiert werden dürfen, welche überregionale Aufmerksamkeit für die Aufgeschlossenheit und Qualität des Kantons erzeugen».
Heimattreue Regierungen und Banken
Dafür bieten sich auch schöne Landstriche in anderen Kantonen an, etwa am Ägerisee, rund um den Vierwaldstättersee oder am Wasser im Grenzgebiet von Aargau und Luzern, wo tatsächlich schon ein Bauboom herrscht. Aber ist das Anziehen von schlafenden, segelnden und allenfalls Schulen benutzenden Bürgern die Lösung für diese Kantone? Die Experten, auch Thomas Bieger selber, geben sich skeptisch: Für Double Career Couples, bei denen Frau und Mann zur Arbeit pendeln, liegen diese Wohngebiete letztlich doch zu weit von den Zentren entfernt. Die Regionen, die unter der Abwanderung leiden, können sich nur entwickeln, wenn sie selber Arbeitsplätze für Hochqualifizierte anbieten.
Dafür müssten die Kantonspolitiker sorgen – aber sie sind nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Bei den Zahlen, die das Bundesamt für Statistik für die Weltwoche ausgewertet hat, fällt eines auf: Die Juristen haben um bis zu 25 Prozentpunkte höhere Rückkehrerquoten als die Akademiker insgesamt. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn im Gegensatz zu Ingenieuren oder Designerinnen gibt es überall Bedarf an Rechtsgelehrten, in der Justiz natürlich, aber auch in der Politik und beim Staat, also in seiner Verwaltung und seinen Betrieben. Letztlich bedeutet das: Die innovativen und kreativen Köpfe müssen in die Welt hinaus ziehen; die Juristen aber, die in ihre Kantone zurückkehren, ohne mehr als ihre Universitätsstadt gesehen zu haben, schotten ihr traditionelles Hoheitsgebiet ab.
So schmoren einige Kantonsregierungen im eigenen Saft. In Graubünden sitzen im Regierungsrat vier Anwälte und ein Bauingenieur, alle gebürtig aus dem Kanton. In Uri werben sieben Einheimische um Rückkehrer – nur die Politologin Heidi Z’graggen hat vorher ausserhalb des engen Tals gearbeitet. In Glarus, mit drei Lehrern, haben sich allein die Anwältin Marianne Dürst-Kundert, die als Flight Attendant jobbte, und der Ökonom Rolf Widmer, der auch in Oxford lernte und in St.Gallen lehrt, in die Welt hinausgewagt.
Im Thurgau bilden derzeit drei Verbindungsbrüder des Frauenfelder Studentenvereins Concordia die absolute Mehrheit. Philipp Stähelin, der als Verbindungsbruder, Anwalt und Artillerieoberst die Karriereleiter vom Departementssekretär bis zum Ständerat hochstieg, regierte als Finanzdirektor im Thurgau so souverän wie niemand seit seinem Vater (von 1935 bis 1968) – über den Präsidenten der CVP Schweiz lächelte das Land, wenn es ihn überhaupt zur Kenntnis nahm.
Denn wer sich intern nicht im Wettbewerb bewähren muss, der verliert extern die Wettbewerbsfähigkeit. Das zeigt sich besonders deutlich und bedrohlich bei den Bollwerken der Staatswirtschaft, den Kantonalbanken. Die meisten von ihnen sind fest in der Hand der lokalen Classe politique. Im Thurgau rückt voraussichtlich ein mehrfach verschmähter Regierungsratskandidat und gescheiterter Stadtammann der übermächtigen SVP, der seither lukrative Beratermandate vom Staat bekam, ins Präsidium auf. In Nidwalden «ist die Verflechtung mit der Politik ungewöhnlich stark», in Glarus «waren alle neun Bankräte per 1. Januar 2004 entweder (alt) Landrat, Landstatthalter oder Regierungsrat», wie Maurice Pedergnana und Daniel Piazza in ihrer aufschlussreichen Studie «Kantonalbanken im Vergleich 2004» feststellen.
Der Verwaltungsrat der Walliser Kantonalbank «weist ein verbesserungsfähiges Profil in der Altersstruktur und an spezifisch bankwirtschaftlichen Kenntnissen aus; die einzelnen Mitglieder sind in derart vielen weiteren Verwaltungsräten engagiert, dass die Unabhängigkeit des Gremiums genau verfolgt werden muss». Und die Tessiner Kantonalbank, seit letztem Jahr unter dem Präsidium von Fulvio Pelli, gilt ein paar freisinnigen Anwaltsdynastien als Privatangelegenheit. Sie müsse dringend versuchen, mahnen die Autoren, «ihre Corporate Governance und Political Governance zu verbessern bzw. zwingend lernen, sich den politischen Einzelinteressen zu widersetzen».
Mauscheln im Kreis der Eingeborenen
Die öffentliche Hand liebe den Wettbewerb um ihre Aufträge nicht, klagt der eingewanderte Churer Verleger Hanspeter Lebrument: «Graubünden, das in einem wachstumsarmen Land einer der wachstumsschwächsten Kantone ist, versucht, so wenig wie möglich Aufträge dem Submissionsgesetz zu unterstellen.» Denn so lasse sich einfacher im Kreis der Eingeborenen mauscheln: «Der Wettbewerb wird an verschiedenen Stellen der öffentlichen Hand verhindert, weil individuelles Wohl vor Allgemeinwohl gesetzt wird.» Auch die Studie zum Brain-Drain aus dem Wallis fordert weniger Vetternwirtschaft und weniger Kirchturmpolitik: «Der Einfluss der Politik auf den Alltag im Wallis wird von den Befragten häufig als Problem wahrgenommen.»
Die Kantonspolitiker, die den Markt behindern, sollen also im Wettbewerb der Standorte ihre abgewanderten Spitzenkräfte zurücklocken. Dafür verlangen sie mehr Staat: «Ein gut funktionierender Service public ist die zentrale Voraussetzung, damit Leben und Wirtschaften im Berggebiet weiterhin möglich ist», hält die Studie «Brain Drain in der Schweiz» fest. Und die staatsnahen Unternehmen müssen von Gesetzes wegen an der Peripherie Arbeitsplätze schaffen, wie das Postfinance-Verarbeitungszentrum in Netstal GL oder das SBB Contact Center in Brig, den «virtuellen Hauptbahnhof der Schweiz». Die Oberwalliser haben überhaupt erkannt, dass dank dem weltweiten Netz Abgeschiedenheit (die sie als jene der «Üsserschwyz» wahrnehmen) kein Nachteil zu sein braucht: Brig ist auch der Sitz der Fernuniversität und der Fernfachhochschule.
Selbstbewusstsein als Staatsaufgabe?
Nur Unternehmen schaffen aber letztlich Arbeitsplätze mit hoher Wertschöpfung: Da stimmen alle Studien überein – und bei der Frage, wie die Unternehmer zurückzuholen wären, zeigen sich alle gleich ratlos. Die staatliche Wirtschaftsförderung soll es richten, also «in einem partizipativen Prozess Strategien zur Förderung von Brain Gain entwickeln» (Uri), «mehr Wachstumschancen aus der Kooperation zwischen Wirtschaft und öffentlicher Hand erarbeiten» (Thurgau) oder sogar «den Unternehmergeist und ein grösseres Selbstbewusstsein fördern» (Wallis). Aus allen verklausulierten Formeln der Standortförderer spricht eine Erkenntnis: Im Land liesse sich gut leben – wenn die Leute nicht so wären, wie sie sind.
Was soll ich also meinen Schulkollegen beim Klassentreffen sagen? Weshalb wohne ich immer noch im Thurgau, obwohl mich fast gar nicht mehr kümmert (und ärgert), was im Kanton und in der Gemeinde geschieht? Der Thurgau bietet, wie die meisten Regionen, die unter Brain-Drain leiden, tatsächlich Lebensqualität: Bei Sonnenaufgang im Bodensee schwimmen, in der Kartause Ittingen die Mönchsgesänge des Hilliard Ensemble hören, in einer Gartenbeiz den Pinot Noir von Hansueli Kesselring trinken – hier lässt es sich aushalten.
Ich wohne gleich neben dem Bahnhof. Der Schnellzug nach Zürich fährt jetzt jede halbe Stunde.
Literatur:
Brain Drain in der Schweiz. Die Berggebiete verlieren ihre hochqualifizierte Bevölkerung; auf der Website der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Berggebiete www.sab.ch
Wegziehen – Bleiben – Zurückkehren. Eine wissenschaftliche Studie der Arbeitsmarktbeobachtung Wallis zur Abwanderung von Kompetenzen von Walliserinnen und Wallisern; auf der Website des Kantons Wallis
Strategien und Massnahmen zur Förderung wissensintensiver und wertschöpfungsstarker Unternehmen im Thurgau; auf der Website www.thinktankthurgau.ch
Markus Schär: O Thurgau. Ein Kantonsführer für Fortgeschrittene.
O Thurgau Verlag, 2002. 430 S., Fr. 36.–
Zusatzinfos: Teil 1, Teil 2
Wer es zu etwas bringen will, zieht in die Stadt, also vorwiegend nach Zürich. Der Provinz fehlen durch diesen Brain-Drain ihre hellsten Köpfe. Die Weltwoche zeigt erstmals für alle Kantone das Kommen und Gehen der Hirnmassen.
Anzeige
Wenn eine der berüchtigtsten Streberklassen der Kanti Frauenfeld das 30-Jahr-Jubiläum ihrer Matur begeht, kehren sie vielleicht wieder einmal in den Thurgau zurück. Marianne, die Schwester des bekannten Financiers aus der Mostereidynastie, flüchtete gleich nach der Schule aus dem Kanton und führt jetzt eine Praxis als Psychoanalytikerin in Bern. Roman betreibt nach befristeten Professuren in Illinois und an der ETH das Geschäft mit seiner Programmiersprache im steuergünstigen Wollerau. Und Peter erfuhr nur Missgunst, als er eine der Traditionsfirmen von Frauenfeld rettete; der lokale Lions Club nahm das aus Deutschland zurückgekehrte Mitglied erst nach einem erneuten Verfahren auf: Die Unternehmen, die sich wieder zur Blüte führen lassen, sucht er jetzt von Zürich aus.
Was soll ein Börsianer in Uri?
Acht von dreizehn, die es in meiner Klasse bis zur Matur schafften, wanderten aus dem Thurgau ab. Zu den vier, die neben mir als Berufspendler noch im Kanton leben, gehört Hans: Der Sohn des FDP-Ständerats und Saurer-Verwaltungsratspräsidenten amtet als Bezirksgerichtspräsident, führt die freisinnige Fraktion im Kantonsparlament und betreibt daneben eine Anwaltskanzlei, wie das 250 Jahre nach der Erfindung der Gewaltentrennung in unserem Kanton möglich ist. Und Wilfried, unser gescheitester Kopf: Er bildete sich in Zürich zum Landpfarrer aus, sorgte für die Seelen in einem Bauerndorf und in einem Vorort und leitet jetzt den Kirchenrat. «Ja, ich bin ein Eingeborener, der es geografisch nicht weit gebracht hat», sagte er in einem Porträt im Lokalblatt. «Aber die Weite des Geistes holt man sich nicht nur auf einer Weltreise.»
Was meine Kantiklasse verkörpert, heisst auf Neudeutsch Brain-Drain. Und gilt als Problem: Das Hirn fliesst aus der Provinz ab, die Zentren ziehen die grauen Zellen an. Darunter leidet nicht nur der Thurgau, für den die Universität St.Gallen kürzlich eine Studie zur «Förderung wissensintensiver und wertschöpfungsstarker Unternehmen» erstellt hat. Als Problem erkennen es auch die Urner: In einem Regionalentwicklungsprogramm, für das die EU (!) bezahlt, denken sie über Massnahmen zum Brain-Gain nach; sie fragen sich also, wie sich verlorene Spitzenkräfte wieder in den Kanton locken liessen. Die Walliser: Sie stellten 2004 eine Studie vor, die den beunruhigenden Verlust von Akademikern aufzeigt. Und die Vertreter der Berggebiete insgesamt: Sie warnten schon 2003 mit dem Bericht «Brain Drain in der Schweiz», die Berggebiete verlören ihre hochqualifizierte Bevölkerung. Die Zahlen zur Abwanderung von Akademikern, die das Bundesamt für Statistik für die Weltwoche erstmals ausgewertet hat, bestätigen diesen Befund – auch für Landstriche mit lieblicherer Topografie.
Ist das Abwandern der Spitzenkräfte in die Zentren aber tatsächlich ein Problem für die Schweiz? Und wenn ja: Wer ist das grössere Problem für die Provinzkantone – die Akademiker, die abwandern, oder jene, die zurückkehren?
Es ist wünschbar, dass die Städte die hellen Köpfe anziehen, also in der Schweiz vor allem Zürich: Dorthin ziehen 30 Prozent der Thurgauer Akademiker, vom Zukunftsforscher David Bosshart über die Moderatorin Mona Vetsch bis zum Autor Peter Stamm. Das ist Rekord, aber auch Schaffhausen (29 %), Uri (27 %), St.Gallen (25 %) oder der Aargau (21 %) verlieren einen bedeutenden Teil ihrer gebildeten Jugend an Downtown Switzerland. Sogar aus Basel ziehen 10 Prozent der Akademiker nach Zürich, wie der Anwalt und Nationalrat Daniel Vischer oder der Historiker Philipp Sarasin – eine Bewegung in der Gegenrichtung lässt sich nicht messen.
«Die Schweiz braucht Zürich als starkes Zentrum, also mehr Konzentration und weniger Ausgleich», sagt Thomas Held, der mit dem Think-Tank Avenir Suisse gegen den helvetischen Kantönligeist kämpft. Dem Zustrom von aufgeschlossenen, unternehmerischen Köpfen verdankt Zürich seit Jahrhunderten seine Blüte: Schon Zwingli kam aus dem Toggenburg, die Pestalozzi, Orelli und von Muralt(o) stammen als Glaubensflüchtlinge aus Locarno, und Otto Coninx zog sogar aus dem Ruhrgebiet nach Zürich, um den Tages-Anzeiger zu gründen. Der Chefredaktor des Leibblatts der Zürcher kommt aus Schaffhausen (und wohnt noch dort), jener des Blicks, ebenfalls als Pendler, aus Olten und jener der NZZ aus Zug.
Und nicht nur die Medienhauptstadt der Schweiz lebt, weil sie frisches Blut aus der Provinz abzapft; auch die Beratungsfirmen, die Unterhaltungsbranche, die Informatikdienstleister und vor allem der Finanzplatz blühen nur, weil sich die Talente in Clustern verklumpen. St.Gallen eigne sich nur für Familienväter wie ihn als Arbeitsplatz, lacht Pierin Vincenz, der Chef der Raiffeisenbanken. Für die Leute, die er beim Börsengeschäft dringend brauchte, musste er einen Ableger in Zürich aufbauen: «Nach St.Gallen bringen Sie niemanden – abends um acht Uhr ist die Stadt tot.»
Die Abwanderung der Spitzenkräfte lässt sich also nicht aufhalten – sie ist eher noch zu fördern. Nur wenn die Schweiz ihr Talent in der Metropole zusammenballt, meint Thomas Held, kann Zürich mit seiner wahren Konkurrenz mithalten: nicht Basel oder Bern, sondern München und Mailand. Aber könnte, wer im internationalen Standortwettbewerb für Downtown Switzerland kämpft, wenigstens in der Provinz wohnen bleiben?
Das Team von HSG-Professor Thomas Bieger, welches die Studie für den Thurgau erstellte, empfiehlt dem Kanton, sich als «Goldküste Nord» anzupreisen: Tatsächlich lockt vor allem der Untersee mit attraktivem Lebensraum und passablen Verkehrsverbindungen; in Romanshorn oder Arbon am Bodensee bieten sich leerstehende Industriebauten für grosszügige Lofts am Wasser an. Begleitende Angebote wie Bildungsgutscheine, Frühenglisch, Tagesschulen oder eine spezielle Vermittlungsagentur für hochqualifizierte Arbeitskräfte und den Wiedereinstieg für Frauen sollen das Wohnen für Familien im Thurgau attraktiv machen. Dazu seien auch Flächen auszuscheiden, «wo nur ein absolutes Minimum an Bauvorschriften die Vorstellungen der Kunden einschränkt bzw. wo nur ausgefallene Bauten realisiert werden dürfen, welche überregionale Aufmerksamkeit für die Aufgeschlossenheit und Qualität des Kantons erzeugen».
Heimattreue Regierungen und Banken
Dafür bieten sich auch schöne Landstriche in anderen Kantonen an, etwa am Ägerisee, rund um den Vierwaldstättersee oder am Wasser im Grenzgebiet von Aargau und Luzern, wo tatsächlich schon ein Bauboom herrscht. Aber ist das Anziehen von schlafenden, segelnden und allenfalls Schulen benutzenden Bürgern die Lösung für diese Kantone? Die Experten, auch Thomas Bieger selber, geben sich skeptisch: Für Double Career Couples, bei denen Frau und Mann zur Arbeit pendeln, liegen diese Wohngebiete letztlich doch zu weit von den Zentren entfernt. Die Regionen, die unter der Abwanderung leiden, können sich nur entwickeln, wenn sie selber Arbeitsplätze für Hochqualifizierte anbieten.
Dafür müssten die Kantonspolitiker sorgen – aber sie sind nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Bei den Zahlen, die das Bundesamt für Statistik für die Weltwoche ausgewertet hat, fällt eines auf: Die Juristen haben um bis zu 25 Prozentpunkte höhere Rückkehrerquoten als die Akademiker insgesamt. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn im Gegensatz zu Ingenieuren oder Designerinnen gibt es überall Bedarf an Rechtsgelehrten, in der Justiz natürlich, aber auch in der Politik und beim Staat, also in seiner Verwaltung und seinen Betrieben. Letztlich bedeutet das: Die innovativen und kreativen Köpfe müssen in die Welt hinaus ziehen; die Juristen aber, die in ihre Kantone zurückkehren, ohne mehr als ihre Universitätsstadt gesehen zu haben, schotten ihr traditionelles Hoheitsgebiet ab.
So schmoren einige Kantonsregierungen im eigenen Saft. In Graubünden sitzen im Regierungsrat vier Anwälte und ein Bauingenieur, alle gebürtig aus dem Kanton. In Uri werben sieben Einheimische um Rückkehrer – nur die Politologin Heidi Z’graggen hat vorher ausserhalb des engen Tals gearbeitet. In Glarus, mit drei Lehrern, haben sich allein die Anwältin Marianne Dürst-Kundert, die als Flight Attendant jobbte, und der Ökonom Rolf Widmer, der auch in Oxford lernte und in St.Gallen lehrt, in die Welt hinausgewagt.
Im Thurgau bilden derzeit drei Verbindungsbrüder des Frauenfelder Studentenvereins Concordia die absolute Mehrheit. Philipp Stähelin, der als Verbindungsbruder, Anwalt und Artillerieoberst die Karriereleiter vom Departementssekretär bis zum Ständerat hochstieg, regierte als Finanzdirektor im Thurgau so souverän wie niemand seit seinem Vater (von 1935 bis 1968) – über den Präsidenten der CVP Schweiz lächelte das Land, wenn es ihn überhaupt zur Kenntnis nahm.
Denn wer sich intern nicht im Wettbewerb bewähren muss, der verliert extern die Wettbewerbsfähigkeit. Das zeigt sich besonders deutlich und bedrohlich bei den Bollwerken der Staatswirtschaft, den Kantonalbanken. Die meisten von ihnen sind fest in der Hand der lokalen Classe politique. Im Thurgau rückt voraussichtlich ein mehrfach verschmähter Regierungsratskandidat und gescheiterter Stadtammann der übermächtigen SVP, der seither lukrative Beratermandate vom Staat bekam, ins Präsidium auf. In Nidwalden «ist die Verflechtung mit der Politik ungewöhnlich stark», in Glarus «waren alle neun Bankräte per 1. Januar 2004 entweder (alt) Landrat, Landstatthalter oder Regierungsrat», wie Maurice Pedergnana und Daniel Piazza in ihrer aufschlussreichen Studie «Kantonalbanken im Vergleich 2004» feststellen.
Der Verwaltungsrat der Walliser Kantonalbank «weist ein verbesserungsfähiges Profil in der Altersstruktur und an spezifisch bankwirtschaftlichen Kenntnissen aus; die einzelnen Mitglieder sind in derart vielen weiteren Verwaltungsräten engagiert, dass die Unabhängigkeit des Gremiums genau verfolgt werden muss». Und die Tessiner Kantonalbank, seit letztem Jahr unter dem Präsidium von Fulvio Pelli, gilt ein paar freisinnigen Anwaltsdynastien als Privatangelegenheit. Sie müsse dringend versuchen, mahnen die Autoren, «ihre Corporate Governance und Political Governance zu verbessern bzw. zwingend lernen, sich den politischen Einzelinteressen zu widersetzen».
Mauscheln im Kreis der Eingeborenen
Die öffentliche Hand liebe den Wettbewerb um ihre Aufträge nicht, klagt der eingewanderte Churer Verleger Hanspeter Lebrument: «Graubünden, das in einem wachstumsarmen Land einer der wachstumsschwächsten Kantone ist, versucht, so wenig wie möglich Aufträge dem Submissionsgesetz zu unterstellen.» Denn so lasse sich einfacher im Kreis der Eingeborenen mauscheln: «Der Wettbewerb wird an verschiedenen Stellen der öffentlichen Hand verhindert, weil individuelles Wohl vor Allgemeinwohl gesetzt wird.» Auch die Studie zum Brain-Drain aus dem Wallis fordert weniger Vetternwirtschaft und weniger Kirchturmpolitik: «Der Einfluss der Politik auf den Alltag im Wallis wird von den Befragten häufig als Problem wahrgenommen.»
Die Kantonspolitiker, die den Markt behindern, sollen also im Wettbewerb der Standorte ihre abgewanderten Spitzenkräfte zurücklocken. Dafür verlangen sie mehr Staat: «Ein gut funktionierender Service public ist die zentrale Voraussetzung, damit Leben und Wirtschaften im Berggebiet weiterhin möglich ist», hält die Studie «Brain Drain in der Schweiz» fest. Und die staatsnahen Unternehmen müssen von Gesetzes wegen an der Peripherie Arbeitsplätze schaffen, wie das Postfinance-Verarbeitungszentrum in Netstal GL oder das SBB Contact Center in Brig, den «virtuellen Hauptbahnhof der Schweiz». Die Oberwalliser haben überhaupt erkannt, dass dank dem weltweiten Netz Abgeschiedenheit (die sie als jene der «Üsserschwyz» wahrnehmen) kein Nachteil zu sein braucht: Brig ist auch der Sitz der Fernuniversität und der Fernfachhochschule.
Selbstbewusstsein als Staatsaufgabe?
Nur Unternehmen schaffen aber letztlich Arbeitsplätze mit hoher Wertschöpfung: Da stimmen alle Studien überein – und bei der Frage, wie die Unternehmer zurückzuholen wären, zeigen sich alle gleich ratlos. Die staatliche Wirtschaftsförderung soll es richten, also «in einem partizipativen Prozess Strategien zur Förderung von Brain Gain entwickeln» (Uri), «mehr Wachstumschancen aus der Kooperation zwischen Wirtschaft und öffentlicher Hand erarbeiten» (Thurgau) oder sogar «den Unternehmergeist und ein grösseres Selbstbewusstsein fördern» (Wallis). Aus allen verklausulierten Formeln der Standortförderer spricht eine Erkenntnis: Im Land liesse sich gut leben – wenn die Leute nicht so wären, wie sie sind.
Was soll ich also meinen Schulkollegen beim Klassentreffen sagen? Weshalb wohne ich immer noch im Thurgau, obwohl mich fast gar nicht mehr kümmert (und ärgert), was im Kanton und in der Gemeinde geschieht? Der Thurgau bietet, wie die meisten Regionen, die unter Brain-Drain leiden, tatsächlich Lebensqualität: Bei Sonnenaufgang im Bodensee schwimmen, in der Kartause Ittingen die Mönchsgesänge des Hilliard Ensemble hören, in einer Gartenbeiz den Pinot Noir von Hansueli Kesselring trinken – hier lässt es sich aushalten.
Ich wohne gleich neben dem Bahnhof. Der Schnellzug nach Zürich fährt jetzt jede halbe Stunde.
Literatur:
Brain Drain in der Schweiz. Die Berggebiete verlieren ihre hochqualifizierte Bevölkerung; auf der Website der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Berggebiete www.sab.ch
Wegziehen – Bleiben – Zurückkehren. Eine wissenschaftliche Studie der Arbeitsmarktbeobachtung Wallis zur Abwanderung von Kompetenzen von Walliserinnen und Wallisern; auf der Website des Kantons Wallis
Strategien und Massnahmen zur Förderung wissensintensiver und wertschöpfungsstarker Unternehmen im Thurgau; auf der Website www.thinktankthurgau.ch
Markus Schär: O Thurgau. Ein Kantonsführer für Fortgeschrittene.
O Thurgau Verlag, 2002. 430 S., Fr. 36.–
Zusatzinfos: Teil 1, Teil 2
tankwarth - 4. Mär, 19:02
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